Journalismus als Prozess denken

Journalismus als Prozess denken

Von Marina Wolf am 24. November 2017
Marina Wolf
Marina Wolf

Prozesse sind optimierbar. Herstellungsprozesse oder Denkprozesse beispielsweise. Aber was wäre, wenn wir auch Journalismus als Prozess denken würden? Als Prozess, den man in mehrere einzelne Schritte unterteilen kann, die wiederum aufeinander aufbauen und im besten Falle ein funktionierendes Wertschöpfungssystem schaffen. Wenn wir Journalismus so verstehen, fällt es leichter, Stärken und Schwächen im eigenen journalistischen Workflow zu erkennen und gezielt darauf einzugehen. Wie dieser Prozess aussehen könnte, möchte ich hier einmal genauer erläutern:

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Aus welchen Komponenten setzt sich der journalistische Wertschöpfungsprozess zusammen?

1. Themenfindung

Der erste Schritt in der journalistischen Wertschöpfungskette ist die Identifizierung eines Themas. Die Themenfindung kann alleine durch den Journalisten erfolgen, oder aber in Zusammenarbeit bzw. im Austausch mit der Lesercommunity. In beiden Fällen muss natürlich das Interesse der Leser berücksichtigt werden: Was könnte den Leser interessieren? Worüber lohnt es sich (auch in finanzieller Hinsicht) zu berichten? Hierzu gibt es kein genormtes Rezept, an das man sich halten kann. Die Themenfindung ist dynamisch und nur mit viel Übung und mithilfe des Leserfeedbacks bekommt man mit der Zeit ein Gespür für die wirklich guten Themen – bis man Potenziale "vorhersehen" kann. Daher bleibt auch die Themenfindung ein Prozessschritt, an dem stetig gearbeitet werden kann, um letztendlich das journalistische Produkt zu optimieren und dadurch mehr Gewinne erzielen zu können.

2. Recherche plus Einordnung und Bewertung

Die Recherche ist mit großem Aufwand verbunden, hier werden viele Ressourcen benötigt, um einen Artikel auf die Beine zu stellen. Daher geht es besonders in diesem Prozessschritt darum, effizient zu arbeiten und dabei möglichst wenige Ressourcen aufzuwenden. Das geht am besten, indem neueste Technologien genutzt werden, die dem Journalisten die tägliche Arbeit vereinfachen. Ein intuitives Redaktionsdashboard, mit dem man mobil und schnell arbeiten kann, wäre ein solches Tool.

Weitere Hilfe bei der Recherche kann sich der Journalist prinzipiell auch von seinen Lesern holen. Wenn man seine Lesercommunity clever mobilisiert und Anreize zur Mitarbeit schafft (ob materiell oder immateriell/ideologisch), können Leser wertvolle Informationen oder Material liefern. Leser sind im ganzen Reichweitengebiet des journalistischen Produktes vertreten und halten sich daher oft schneller an berichterstattungsrelevanten Locations auf. Wenn diese der Redaktion dann Bilder oder anderes Zusatzmaterial liefern, kann der Journalist mehr Zeit für die Bewertung und Einordnung aufwenden. Oder unterm Strich eben Zeit und damit auch Geld sparen.

Die Bewertung und Einordnung von Informationen ist ein Punkt im journalistischen Prozess, an dem ein ganz wesentlicher Anteil der journalistischen Wertschöpfung passiert. Denn Texte gibt es viele, ohne dass sie gleichzeitig Journalismus sind. Zu Journalismus werden Texte, Videos und Bilderreihen erst dann, wenn die recherchierten Informationen nach journalistischen Grundsätzen eingeordnet und bewertet werden. Mit Bewertung ist dabei nicht gemeint, dass der Journalist seine eigene Meinung im Artikel vertreten soll. Vielmehr geht es um die Bewertung des Artikels anhand von journalistischen Qualitätsstandards und redaktionellen Anforderungen.

3. Produktion

Auch die Produktion im journalistischen Wertschöpfungsprozess kann optimiert werden. Als Journalist muss man sich dabei die Fragen stellen: Wie kann ich meine Artikel so schreiben, dass sie möglichst bis zum Ende gelesen werden? Wie mache ich meine Leser neuierig auf mehr und binde sie gleichzeitig an mein Produkt?

Bei der Produktion der Artikel geht es ebenfalls um Effizienz bei gleichzeitiger Qualitätssicherung. Wie kann man die aus der Recherche gesammelten Materialien am effektivsten nutzen? Und wie können einem bei der Verarbeitung clevere Tools helfen, den Arbeitsworkflow zu beschleunigen?

4. Distribution

Bei der Distribution des journalistischen Produkts muss das Leseerlebnis im Vordergrund stehen. Wie kann man die Erfahrung des Nutzers möglichst positiv gestalten? Beispielsweise in Form eines stark personalisierten Newsfeeds, auf dem der Leser nur die Themen findet, die auch wirklich zu seinen Interessen passen. Wie wird das journalistische Produkt ausgespielt? Algorithmen können beispielsweise berechnen, welchem Leser welcher Artikel vorgeschlagen wird und welche gesponserten Artikel dazu ausgespielt werden könnten. Während der Distribution geht es auch darum, Stärken und Schwachstellen in Artikeln zu identifizieren und nachträglich zu korrigieren. So können Klickrate sowie Verweildauer auf den Artikeln erhöht und Absprungraten reduziert werden.

5. Vermarktung/Abrechnung

Im letzten Schritt, wenn man Journalismus als Prozess denkt, geht es darum, das Produkt zu monetarisieren. Wie kann man mit seinen Artikeln bzw. mit seiner Nachrichtenplattform Geld verdienen? Das funktioniert in den häufigsten Fällen über Werbeanzeigen und gesponserte Artikel, vielleicht sogar auch über Marktforschung. Aber auch hier lassen sich Schritte optimieren. Beispielsweise, indem man genau eruiert, welchen Werbebanner am besten zu welchen Lesern passen – um so eine gute Klickrate zu erreichen. Und wie kann man – darauf aufbauend – seinen Werbekunden stetig bessere Werbemöglichkeiten bieten?

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Fazit

Wenn man Journalismus konsequent als Prozess denkt und lebt, ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten, wie man seine Arbeit effizienter und zielgerichteter ausüben kann. Indem man sich in jedem einzelnen Prozessschritt die Frage stellt: "An welcher Stelle kann ich optimieren?", bleibt man dynamisch und reflektiert. Reflexion ist im digitaljournalistischen Tagesgeschäft wichtig. Denn in einer schnelllebigen Medienwelt überlebt der, der agil bleibt und sein Tun überdenkt und stetig verbessern will.

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